Für die letzten 20 Prozent einer Sache, die man perfekt machen möchte, benötigt man mehr Zeit und Energie als für die ersten 80 Prozent, die schon geschafft sind. Und wofür? Keiner bemerkt das eine nicht so optimale Wort in der Präsentation, niemand das winzige Loch in der Strumpfhose unter dem Rock. Keiner der Arbeitskollegen, die man zum Abendessen eingeladen hat schmeckt heraus, ob die Vanille im Dessert auch wirklich aus Madagaskar stammt (kein Berufsgourmet darunter!) usw.

Wie oft denken Sie, den Aufwand hätten Sie sich sparen können? Wahrscheinlich viel zu selten!

„Das Unperfekte an uns ist das Wunderbare“ – Diesen Satz des Schriftstellers Galsan Tschinag sollten wir uns zu eigen machen. Denn jemand ist uns meist erst dann so richtig sympathisch, wenn er beginnt, über seine Schwächen zu reden. Wenn er zugibt, dass er auch nur mit Wasser kocht. Wenn er uns durch den Vorhang der Perfektion hindurchschauen lässt auf einen doch gar nicht so aufgeräumten Schreibtisch oder in eine Krüselkammer, in der noch schnell alles hineingeworfen wird, bevor die Gäste kommen.

Man wird zur Perfektion erzogen (in bestimmten Kulturen-, Gesellschafts- oder Familienstrukturen) oder/und möchte gefallen, geliebt werden, anerkannt, sich als leistungsstark und verlässlich präsentieren. Man möchte die Kontrolle behalten und im Zweifel die Macht. Perfektion ist meine Visitenkarte, denkt der Perfektionist.

Dabei rennt er seinen eigenen Ansprüchen hinterher, die er nie erreichen kann. Denn es geht ja immer noch besser. Ein Teufelskreis. Dabei würde man auch geliebt werden, wenn es keine Auszeichnung mit Sternchen gibt, keine 1+. So wie du bist, bist du ok. Gerade Frauen hören diesen Satz nicht so häufig und gehen mit sich selber hart ins Gericht. Die Frisur ist nicht absolut perfekt, der Lipliner könnte noch genauer aufgetragen sein, der Chef beanstandet sicherlich meine letzte Folie in der Präsentation oder – wenn Frau selbst der Chef ist, meine Mitarbeiter merken sofort, dass ich in dem Stoff nicht hundertfünfzig Prozent drin bin. Perfektionismus ist oft mit einem mangelnden Selbstwertgefühl verbunden. Aber auch hochsensible Menschen neigen zum Perfektionismus https://dr.kirschnerbrouns.de/meine-buecher

Dagegen hilft als SOS ein Post-it am Badezimmerspiegel:

So wie ich bin, bin ich ok. Punkt!!!!!!!!!!!!!!

Wie viel entspannter, sympathischer und gesünder, da stressfreier, wäre der Mut zur Lücke und zur Improvisation der letzten 20 Prozent. Denn diese machen wie gesagt den Braten nicht fett, liefern aber einen großen Beitrag zur Self-Care. In der Zeit kann man meditieren, baden, schlafen, einen Bodyscan durchführen, ein gutes Buch lesen, ein tolles Gespräch führen, zur Massage gehen, Blumen pflücken, eine Tasse Tee trinken usw. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Und: Das Grübeln darüber, ob das Wort in der Präsentation jetzt wirklich das optimale ist oder sich vielleicht doch noch ein passenderes hätte finden lassen, wenn ich nur lange genug gesucht hätte… erübrigt sich dann auch!